Gedanken für die Stadt Markkleeberg©

 Die Situation

Vor dem Hintergrund der vermehrten Bevölkerungseinwander-ungen in die Stadt, dem stetig wachsenden Wettkampf mit den umliegenden Gemeinden und der Notwendigkeit, als erstrebenswertes Ziel für Investoren zu gelten, erachten wir es als notwendig, Markkleebergs Identität zu stärken.

 

Markkleeberg, einst ein Sammelsurium vereinzelter Gehöfte, später einiger Dörfer und nun Große Kreisstadt, hat in den letzten zwanzig Jahren eine Entwicklung vollzogen, die man mit einem lachenden, zuweilen aber auch mit einem weinenden Auge betrachten kann.

 

Es ist sehr viel Schönes und Neues entstanden, das den Wert heute so begehrten Lebens ausmacht. Dabei beruht Markkleebergs Basis für Lebensqualität vor allem auf den beiden Seen. In der überregionalen Kommunikation wird aber fast ausschließlich der Begriff „Leipziger Neuseenland“ verwendet. Ungeachtet eventueller rechtlicher Erfordernisse, die diesen Begriff bedingen, bleibt festzustellen, dass das Bild von Markkleeberg auf diesen Wert reduziert ist - auch wenn dieser Wert als Faktor in indirekter Proportionalität der jeweiligen Uferentfernung die Kosten eines Grundstücks bestimmt.

 

Bei kritischer Betrachtung und Auslassung des „Wertes“ See könnte man Markkleeberg in einer gewissen Überspitzung auch als reine - durch stetig neu freigegebene Bauflächen weiter wuchernde - „Schlafstadt“ bezeichnen. Denn gerade in den seit 2000 entstandenen Siedlungen ist eine Verbundenheit mit der „neu bezogenen Heimatstadt“ so gut wie nicht spürbar.

 

Das Leben dieser Einwohner-Innen findet vielmehr in Leipzig statt. Dort wird gearbeitet, dort werden die kulturellen Angebote genossen und dort wird eingekauft. Für

Sonnenaufgang in der Neuen Harth

Markkleeberg bleibt praktisch nur der Lebensmitteleinkauf übrig. Dabei stellt sich die Frage, ob sich Markkleeberg in dieser Form richtig positioniert. Ist tatsächlich die zunehmende, vielmehr fast abgeschlossene, Bebauung von Freiflächen, die ehemalige Felder waren, die Basis für die Zukunft? Oder liegt nicht eine Basis für Lebensqualität gerade darin, nicht im Stau zu stehen, wenn man abends von der Arbeit heimkehrt? Wäre nicht die Schaffung von Arbeitsplätzen eine stärkere Basis dafür, dass das Leben wieder in Markkleeberg stattfindet?

„Was wollen Markkleeberger-Innen“ sollte zur Kernfrage der Entwicklung einer Konzeption, vielmehr eines Leitbildes werden, das sich nicht allein durch Benennung vorweggenommener Ergebnisse (lebenswerte Stadt, zukunftsträchtig, etc.) definiert sondern die Bedürfnisse derer widerspiegelt, die häufig nicht nur den Eindruck haben, es werde „über sie“ entschieden.

 

Ansätze für die Entwicklung eines solchen Leitbildes, das durchaus bis ins Jahr 2030 reichen kann, skizzieren wir in den folgenden Punkten und möchten damit die Grundlage schaffen, das Interesse an der Stadt wach zu halten oder neu zu erschaffen.

 


Das ehemalige "Dörfchen" Großstädteln von der "Neuseenlandbrücke" aus gesehen

Hintergründe

 

 

 

In Zeiten, in denen nicht nur Markkleebergs Stadtzentrum unter einem gewissen Funktionsverlust leidet, sei es aufgrund der Konkurrenz in der Region, sei es durch die Verlagerung des Handels und der Kommunikation in den virtuellen Raum, steht mit der Schaffung von Attraktivität eine Hauptaufgabe vor den Kommunen. Doch reine Attraktivität, die, wie in vielen anderen Städten auch, allein durch die Investition finanzieller Mittel, quasi künstlich, erschaffen wurde, wird keinen nachhaltigen Erfolg haben. Wie so oft gilt, dass die Form oder eben die Attraktivität der Funktion folgen muss. Damit wird deutlich, dass ein attraktiver Stadtkern letztlich Unsummen wirkungslos verschlingen kann wenn er keine Funktion hat.

 

Einem Stadtkern eine Funktion zu geben, ist dabei die schwerste Aufgabe. Sie kann nicht mit herkömmlichen Mitteln gemessen aber auch nicht durch gezielte und abrechenbare Investitionen erzeugt werden.

 

Von der Geschichte ausgehend, kam dem Stadtkern immer die Funktion eines Platzes zu, der Lebensbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, etc.) stillte. In unserer heutigen Zeit lassen sich diese Bedürfnisse fast überall erfüllen und Markttage sind oft nur wenig mehr als Gelegenheiten, Überflüssiges zu beschaffen oder eben loszuwerden.

 

Dagegen besteht das tatsächliche Lebensbedürfnis der Menschen heute darin, zu kommunizieren. Wem es also gelingt, Gelegenheiten zu schaffen, die eine gute Kommunikation ermöglichen und diese „Funktion“ mit einer gewissen Attraktivität des Zentrums zu verknüpfen, der gibt dem Stadtkern einen Sinn als Ort vielgestaltiger Austauschbeziehungen und als alltäglicher Lebensraum, der in die Zeit passt.

Bezugnehmend auf die Situationsanalyse bedeutet der beständige Bedeutungsverlust des Stadtzentrums von Markkleeberg bei gleichzeitigem gefördertem Zuzug von Neumarkkleeberger-Innen die Steigerung der Anzahl von Bedarfsträgern bei sich stetig verringerndem Angebot.

 

 

Die unausweichliche Folge davon muss ein Ausweichen der Bedarfsträger an Orte sein, die Bedürfnisse erfüllen können und, einhergehend damit, der Verlust von Identifikationsmöglichkeiten und die Zunahme des Bettenburg-Charakters der Stadt. 

 

Oftmals wird angenommen, die Identifikation vollzieht sich über Wettbewerbsfähigkeit, Einkaufsqualität, kulturelle Angebote oder die Baugestalt. Dies ist jedoch ein Irrtum, der nur zu gern als solcher ignoriert wird, weil er Mess- und Abrechenbarkeit vorgaukelt. Wichtige, aber fast immer außer acht gelassene, Faktoren sind die Summe von Eindrücken, Meinungen, Traditionen und Gefühlen, die Menschen miteinander und mit einer Stadt verbinden. Das Bewusstsein für und Kenntnis über die eigene Stadtgeschichte und -entwicklung beinhalten darüberhinaus ein weiteres hohes Identifikationspotential.

 

Wenn konkrete Handlungsstrategien entwickelt werden sollen, müssen statt rationaler Fakten vorrangig die emotionalen Bedürfnisse berücksichtig werden, bis schließlich die Optimierung durch Wirtschaftsdaten erfolgen kann.

 

Wie ein Blick in die Vergangenheit - so kann man sich den vorstellen, wie es einst rechts von der Koburger Straße (stadtauswärts in Richtung Zöbigker) aussah, bevor die Braunkohlenbagger kamen.



Ein Beispiel zur Verdeutlichung: ein Restaurant wird von dem gleichen Gast dann häufiger besucht, wenn er damit positive Erlebnisse (nette Bedienung, eine tolle Aussicht, Gespräche, seine Begleitung, usw.) verknüpft. Abrechenbare und vergleichbare Fakten wie z. B. ein geringerer Preis, eine schnelle Bedienung oder besonders wohlschmeckende Gerichte führen dagegen sehr viel seltener dazu, aus einem einmaligen Gast einen Stammgast zu machen. Ebenso wendet ein Stammgast dem Restaurant häufiger den Rücken, wenn die Bedienung wechselt oder die Aussicht verbaut wird, als wenn die Qualität der Speisen sinkt oder die Preise ansteigen.

 

"Ländlich-sittlich" wie es früher hieß - auch das gibt es noch in Markkleeberg

Daraus ergibt sich, dass in unserem digitalen Zeitalter, das so viel wie möglich erfassbar machen und schematisch analysieren will, der Einzelne noch immer Wert auf Emotionen legt und außerhalb seiner Berufstätigkeit gern danach entscheidet.

 

Das die kommunale Politik Motor aller Initiativen sein muss - klare Strukturen für die Arbeit schaffen und Ressourcen sichern soll - ist so richtig wie überflüssig zu erwähnen. Private und mittelständische Unternehmen werden ausschließlich dann investieren, wenn die Möglichkeit zur schnellen Rekapitalisierung besteht. Insofern wird es jede kleine und mittelgroße Stadt im Einflussgebiet einer Großstadt schwer haben, interessant zu wirken und - noch viel mehr - tatsächlich interessant zu sein. Es ist eine rein politische Entscheidung, ob Markkleeberg dabei in den Ring tritt. Ausreichend Potential dafür ist vorhanden, egal ob es um notwendige Arbeitskräfte vor Ort oder Brachflächen geht, die verlockend für eine Standortverlagerung sein könnten. Die bisherige Konzentration auf den reinen Lebensmittelkonsum der Einwohner-Innen kann, wie oben beschrieben, nur Reste an finanziellen Mitteln abgreifen.

 


Unter den Stichworten „Leben und arbeiten in Markkleeberg“ sollte die bereits erwähnte emotionale Bindung zur Stadt geschaffen werden, die sich letztlich auch finanziell lohnen kann. Wobei nicht nur die reinen Arbeitnehmerinteressen im Vordergrund stehen sondern auch unternehmerische Interessen von erheblicher Bedeutung sind. Dies jedoch verlangt neue, kreative Konzepte genauso wie die politische Einflussnahme auf Standortkonzeptionen und die ansässigen Unternehmen.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: in Naumburg, einer Stadt, die sich in ihrer Größe eher mit Markkleeberg als mit Leipzig vergleichen lässt, ist ein Bekleidungsgeschäft ansässig, das eine Ausstrahlung von fast 70 km im Umkreis hat. Leipziger kaufen dort hoch- und höchstpreisige Damen- und Herrenmoden ein, ebenso wie Hallenser, Zeitzer und Geraer. Das Modehaus besteht seit fast 100 Jahren und seit fast 27 im Wettbewerb gegen große Warenhäuser in den umgebenden Großstädten. Die Gründe dafür sind vorrangig emotionaler Natur und bestehen u. a. in einem lückenfüllenden Serviceangebot, das in Centern nicht zu erbringen ist und in der sekundären Bedürfnisbefriedigung - z. B. eine persönliche Verkaufsbegleitung durch alle Abteilungen, einem Barbetrieb und dem kostenfreien Parken direkt vor der Tür.

Ohne dass das Beispiel als Vorschlag für Markkleeberg aufgegriffen werden soll, macht es doch deutlich, das vorweggenommene politische Maßnahmen nicht zur Funktionalität eines Standortes beitragen. Ebensowenig wie sich die Betreiber-Innen eines Straßenlokals von einer Durchgangsstraße angelockt fühlen, so wenig werden Händler-Innen großer Haushaltswarengeräte in Ladengeschäfte investieren, die sich in verkehrsberuhigten Zonen befinden.

Die Ansiedlung und Unterstützung von Handelsunternehmen oder der Gastronomie muss demnach einem alles umfassenden Konzept folgen, das größtmögliche Zugeständisse an die Unternehmer-Innen macht und gleichzeitig den Bedürfnissen der Anwohner-Innen und Kund-Innen folgt. Deutliche Ergebnisse, die von der größten Teilmenge aller Betroffenen getragen werden, lassen sich deshalb nur in einem komplexen Vorgang ermitteln, der keine Tabus kennt und auch nicht politische bzw. mainstream-Interessen über die der Einwohner stellt.

 



Die Terrasse - Wohlfühloase für fast alle Markkleeberger

Vor diesem Hintergrund möchten wir Markkleeberg als einen Ort herausstellen, der Wirtschaft, Kultur, Freizeit, Wohnen und Arbeiten aufs Beste verbindet, ohne einen der genannten Faktoren dabei wie bisher zu überfordern und der auf die Vorwegnahme von Eigenschaften verzichtet. Gründe für Vorteile dürfen keine Zirkelschlüsse mehr sein sondern müssen sich aus dem täglichen Leben und Erleben der Markleeberger-Innen definieren. Deshalb besteht die Aufgabenstellung unseres Erachtens darin, die Identifikation mit der Stadt durch verstärkte Kommunikation zu ermöglichen, indem eine offene Meinungs- und Interessensbildung angeregt und ein strenges Regionalprinzip eingehalten wird.

 

 

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen zwei Repräsentationsformen berücksichtigt werden: 

A) die nach innen gerichtete Repräsentation, die bei den Einwohnern Identität und Gemeinsinn schaffen soll – einfacher ausgedrückt: Markkleeberger reden mit Markkleebergern.
B) die nach außen orientierte Darstellung, die wirtschaftliche, politische und touristische Ziele verfolgt und verantwortlich dafür ist, das Markkleeberg nicht nur als Große Kreisstadt am Rande von Leipzig oder als Bettenburg wahrgenommen wird sondern als Gemeinde, in der ein besonderes demokratisches Klima vorherrscht.

 

 

Dabei lautet die Zielsetzung im Einzelnen:

a) Förderung der Bürgerbeteiligung und Stärkung der kulturellen/traditionellen Identität.
b) Verstärkung des kommunikativen Austausches unter den Bürgern und innerhalb der lokalen Wirtschaft, um die Bindung an unsere Stadt zu vertiefen und eine langfristige Identifikation zu ermöglichen.
c) Handel und Wirtschaft sollen als Public-Private-Partnership zusammengeführt werden, um vorhandene Synergien effektiv zu nutzen und kommunikative Netzwerke neu zu schaffen.
 


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